Evaluation – zwei Jahre Schule gemeinsam gestalten

Am Anfang steht immer eine Idee. Junge Menschen schon in der Schule dazu ermutigen, ihre Umgebung mitzugestalten und so Demokratie in der Praxis zu lernen – so die Vision vor der Entwicklung von aula. Vor über drei Jahren konnten wir dank einer Förderung der Bundeszentrale für politische Bildung  und einer von  Liquid Democracy entwickelten Software die Idee mit vier mutigen Pilotschulen in die Tat umsetzen. Nun sind wir am Ende unserer Pilotphase und brennend daran interessiert zu erfahren:  Welchen Effekt hat aula in den Schulen gehabt? Ist das Konzept „erfolgreich“?

“Durch aula merken die Schüler, dass sie selber was hinkriegen können. Dass sie alleine etwas komplett verändern können.”

(Schülerin, 13. Klasse, Hamburg)

Die Antwort ist simpel: ja. Auch wenn es im Prozess so manche Herausforderung zu bewältigen gab, (ein gutes  Beispiel sind vergessene Passwörter und neue Mediennutzungsgewohnheiten ) ziehen wir eine sehr positive Bilanz.

Selbstwirksamkeit und Demokratie-Lernen

Vor den Sommerferien haben wir an allen Pilotschulen Evaluationsinterviews mit SchülerInnen, LehrerInnen und der jeweiligen Schulleitung durchgeführt. Neben hilfreichen Schilderungen der Herausforderungen, die an jeder Schule anders ausgeprägt waren, bekam das Projekt viel positive Resonanz der Beteiligten. Tatsächlich berichteten uns die meisten SchülerInnen, dass sie durch aula das Gefühl hätten, mehr in der Schule und in der Gesellschaft bewirken zu können. Gleichzeitig gaben sowohl LehrerInnen als auch die Schulleitungen an, dass aula sehr gut für Kompetenzen des Demokratie-Lernens geeignet sei.

“Es war ne geile Zeit! Hat viel Spaß gemacht, man hat echt was gelernt. Viel mit jüngeren und älteren Schülern zusammengearbeitet, das fand ich fast am schönsten. Man hat wirklich gemerkt: am Ende wollen sie halt alle das Gleiche irgendwie. Das ist ein sinnvolles Projekt. Da sollte man noch dranbleiben, finde ich.”

(Schüler, 10. Klasse, Freiburg)

Über 3000 Ideen wurden an den vier weiterführenden Schulen auf der aula-Plattform verfasst, davon haben die SchülerInnen 20 verschiedene Projekte entwickelt, positiv abgestimmt und zur Umsetzung gebracht. In diesem Prozess haben viele offensichtliche und auch subtile Entwicklungen stattgefunden. Viele haben erlebt, was es bedeutet, sich für die eigenen Interessen einzusetzen und sich als wirksames Mitglied einer Gemeinschaft zu begreifen. Einige haben gelernt, dass Engagement auch Arbeit bedeutet und manchmal auch nicht das gewünschte Ergebnis bringt. Manche, die sich bisher kaum am Schulleben beteiligt haben, möchten sich plötzlich einbringen und steuern Ideen bei. Die beiden vielleicht wichtigsten Erkenntnisse der Evaluation sind, dass aula offensichtlich die Erfahrung von Selbstwirksamkeit fördert und die allermeisten der Beteiligten gern weiter mit dem Konzept arbeiten möchten. Diese und andere Beispiele können ausführlich unter Evaluation nachgelesen werden. Den Kurzbericht mit den prägnantesten Ergebnissen kann hier heruntergeladen werden:

   Kurzbericht herunterladen

Einen ausführlichen Erfahrungsbericht findet sich außerdem im Blogpost des aula-Pilotlehreres Dejan Mihajlovic der Pestalozzi-Realschule Freiburg.

Wie geht es weiter mit aula?

Es steht viel an bei aula!
Momentan sind wir noch dabei ein paar Anpassungen an der gesamten aula-Plattform vorzunehmen, um neue Funktionen zu integrieren und die Installation und die Administration zu vereinfachen. Ende September kann auf www.aula.de das didaktische Material und der aula-Source-Code heruntergeladen werden. Gleichzeitig launchen wir die offizielle aula-App, die wir mit Hilfe einer Förderung durch den Innovationswettbewerb demokratie.io entwickeln konnten und daher auch kostenfrei für alle zugänglich machen können. Im Oktober starten wir außerdem mit aula in Berlin: An 5-10 Berliner Schulen werden im Schuljahr 2018/19 aula-MultiplikatorInnen ausgebildet, die das Bildungskonzept an ihre eigene Schule bringen. Die MultiplikatorInnen bestehen dabei größtenteils aus SchülerInnen.

Im Rahmen des BMFSFJ-Bundesprogramms “Demokratie Leben!” wird außerdem getestet, ob das Beteiligungskonzept aula auch in der kommunalen Jugendbeteiligung verwendet werden kann. Unter dem Namen „Jugendforen Digital“ werden wir das Konzept für den außerschulischen Bereich anpassen und in 5-10 Kommunen bundesweit aula-BotschafterInnen ausbilden. Mehr dazu folgt bald auf unserem Blog!


Titelbild: Unsplash Notebooks via unsplash, Baron Fig, CC0, bearbeitet.

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Berlin Calling: aula kommt im Herbst in die Hauptstadt

Als wir 2016 den Aufruf starteten, sich als Pilotschule für das Projekt aula zu bewerben, haben wir zahlreiche Bewerbungen aus dem gesamten Bundesgebiet erhalten. Damals sind wir davon ausgegangen, dass bestimmt auch eine Schule in der Hauptstadt vertreten sein wird.  Weil die Bildungslandschaft in Berlin sehr heterogen und außergewöhnlich ist (ganz nach dem Credo „if you can make it there, you can make it anywhere“), aber auch weil unser Büro in Berlin beheimatet ist. Die Dinge kamen allerdings anders und so wählten wir unsere Pilotschulen in der berühmten Bildungsachse Hamburg, Freiburg, Jena und Nottuln. Die Entscheidung für die vier Schulen bereuen wir keineswegs, denn die vielen Erfahrungen und Erkenntnisse, die wir durch die Arbeit in den Schulen gewonnen haben, haben unser Projekt weitergebracht und verbessert.

Trotzdem ist es an der Zeit unser Projekt auszuweiten. Berlin wird unsere erste weitere Station auf der hoffentlich noch lange andauernden Reise mit aula. Dank einer Förderung im Rahmen des Programms STARK gemacht! des Jugend-Demokratiefonds der Jugend- und Familienstiftung des Landes Berlins, können wir  aula in Berlin umsetzen. Ab dem Schuljahr 2018/19 bekommen 5-10 weiterführende Schulen in Berlin die Möglichkeit aula-Schule zu werden.  Das bedeutet konkret: Neben der Einrichtung, dem Hosting und technischen Support der Plattform bekommen die Schulen kostenfreie didaktische Begleitung des aula Teams.

Worum geht es genau?

Pro Schule werden circa 6-8 aula BotschafterInnen ausgebildet, davon circa 1-2 LehrerInnen und 4- 6 SchülerInnen. In insgesamt 3 (jeweils 3-stündigen) Workshops lernen sie aula kennen und werden zu MultiplikatorInnen für Ihre Schulen. Während der Workshops bekommen sie das notwendige Know-how sowie die Materialien, um aula selbstständig an ihrer Schule implementieren zu können. Zwischen den Workshops steht das aula Team den BotschafterInnen bei der Umsetzung des Konzepts Schritt für Schritt zur Seite. Alle anfallenden Kosten werden über den Jugend-Demokratiefonds abgedeckt, der vom Berliner Senat gefördert wird.

 

Was müssen aula-Schulen mitbringen?

Interesse
aula lässt sich am besten mit der ganzen Schulgemeinschaft umsetzen. Das  nicht immer alle Akteure beteiligt sein können ist klar. Dennoch sollten nach Möglichkeit, neben der Schülerschaft und Schulleitung auch das Kollegium und die Elternvertretung  über die Nutzung von aula informiert sein.

Zeit
Während der Einführungsphase brauchen die BotschafterInnen Zeit und Raum, um aula in der Schulgemeinschaft zu verankern.  Dies kann je nach Schulstruktur und Möglichkeit im Unterricht passieren, aber auch Teil außerunterrichtlicher Aktivitäten sein.

Freiraum
Für die Wirksamkeit von aula ist es wünschenswert, dass die Schulleitung Interesse daran hat der Schülerschaft einen Gestaltungsspielraum einzuräumen, um relevante Themen diskutieren und entscheiden zu können. Die Größe dieses Gestaltungsspielraums kann individuell diskutiert und angepasst werden.

Internetzugang 
aula ist von jedem Computer mit Internetzugang aus nutzbar. Im besten Fall gibt es ausreichend Computer, dass alle Schüler einer Klasse gleichzeitig daran arbeiten können. Ab Sommer 2018 gibt es aula auch als App und kann über mobile Geräte genutzt werden.

 

Da wir noch ein paar Plätze für das kommende Schuljahr frei haben, können sich interessierte Berliner Schulen direkt bei uns unter info@aula.de melden!
Weitere Infos zum Projekt finden Sie unter dem Punkt Was ist aula?

 

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Sonne und Wolken über Jena

Jena

Die Jenaplan-Schule in der zweitgrößten Stadt Thüringens hat schon auf dem Papier die besten Voraussetzungen für das Projekt aula. Als wir im Schuljahr 2016/17 als Team an die gut ausgestattete Schule im Westen von Jena kamen, waren wir beeindruckt von dem, was wir vorfanden: eine sehr aktive und politisch interessierte Schülerschaft, große Gestaltungsmöglichkeiten und SchülerInnen die bei einer kreativen und freien Entfaltung unterstützt werden. Die ersten Einführungs-Workshops in den Klassen lösten kleine Begeisterungsstürme in uns aus. Unser Input wurde aufgenommen, reflektiert und direkt diskutiert. Schnell formierte sich eine ModeratorInnen-Gruppe, die über den aula-Vertrag sowie die Implementierung im Schulleben verhandelte und erste Pläne schmiedete.

Leider geriet das Projekt in Jena nach den Einführungsworkshops relativ schnell ins Stocken. Woran das lag? Wie in Schulen so üblich, hatte es verschiedene Gründe: Zum einen ebbte die Motivation beim ModeratorInnen-Team etwas ab. Zu wichtig waren Punkte wie Referate, Klausuren, Herbstferien und der ganz normale Schulalltag. Zum anderen vergaßen die ersten SchülerInnen ihre Passwörter (ein schulübergreifendes Problem, was wir auch hier auf dem demokratie.io-Blog bereits thematisierten. Ein weiterer Faktor waren die bereits sehr etablierten demokratischen Beteiligungsstrukturen der aktiven Schülerschaft. Vielen SchülerInnen (und vor allem auch LehrerInnen) wurde nicht klar, welchen Mehrwert aula über ihr bestehendes (funktionierendes) System hinaus bietet. Durch den Unterricht in Stammgruppen und die vielen verschiedenen Projekte (z.B. der „SchülerFAIRma“), war es für aula nicht leicht sich als ergänzendes Projekt zu etablieren.  Auch das Arbeiten mit digitalen Medien war in Jena bisher nicht besonders stark in den Unterricht integriert, wird sogar teilweise eher kritisch gesehen.  Die Organisation der Schülerbeteiligung über eine Online-Plattform wie aula wurde daher insgesamt weniger als Lernprozess und eher als zusätzliche Arbeit wahrgenommen.

Das Crowdfunding als Motivationsschub

Im Frühjahr 2017 haben wir als aula-Team für alle vier Pilotschulen ein Crowdfunding auf gemeinschaftscrowd.de gestartet. Als zusätzlichen Motivationsschub wollten wir den SchülerInnen damit eine Möglichkeit geben, eigene Ideen in die Tat umzusetzen und gleichzeitig nicht an eine Finanzierung denken zu müssen bzw. eine Teilfinanzierung bereits sicher zu haben. Die Jenaplan-Schule erreichte das Crowdfundingziel von 1.500€ bereits nach wenigen Wochen (zum Crowdfunding-Video von Jena geht es hier). Zwar sprach sich bei den Schülerinnen und Schülern schnell herum, dass sie Geld zur freien Verfügung bekommen sollten, aber nicht, inwiefern das nun mit aula gemacht werden sollte und wie die nächsten Schritte waren. Daher verpuffte der gewünschte Effekt relativ schnell wieder.

Neues Schuljahr, neues Glück?

Im neuen Schuljahr fand sich eine neue ModeratorInnen-Gruppe zusammen,  ein Team aus SchülerInnen, was gleichzeitig Herzstück sowie Motor für aula an der Schule ist. Mit Maxim (11. Klasse) fanden wir sogar den ersten Schüleradministrator, der – mit dem Vertrauen der Schulleitung – seither aula auch administrativ begleitet und für uns einen außerordentlich guten Ansprechpartner darstellt.
Das neuformierte aula-Team entschied sich für einen „Neustart“ an der Schule. Damit wirklich alle (wieder) Zugang zur Plattform bekommen, entwickelte die ModeratorInnen-Gruppe gemeinsam mit der Schulleitung einen Plan: Am Anfang des Schuljahres liefen sie immer montags durch die sogenannten „Morgenkreise“ und halfen den SchülerInnen ihre Passwörter zurückzusetzen und sich einzuloggen. Das sollte ebenfalls die SchülerInnen daran erinnern, dass das Projekt aula noch läuft.

Schülerinnen und Schüler bei der aula-Feier im November

Schülerinnen und Schüler bei der aula-Feier im November

Um den erneuten Auftakt von aula feierlich zu zelebrieren, entschied sich das ModeratorInnen-Team am 13. November vergangenen Jahres eine sogenannte „aula-Feier“ zu organisieren. Dafür wurde die schuleigene Turnhalle bestuhlt und die gesamte Schülerschaft (4.-13. Klasse) an einem Montagvormittag zusammen getrommelt. Als weichen Einstieg zeigten die ModeratorInnen den 3sat-Beitrag „Update für die Demokratie“, der sich teilweise mit einer aula-Stunde an der Jenaplan-Schule befasst. Danach konnten SchülerInnen, die eine Idee für das gesammelte Crowdfundinggeld hatten, vor der gesamten Schülerschaft ihre Ideen präsentieren. Von einem schulinternen Pizzadienst bis zu einer Überdachung für den Fahrradständer – die SchülerInnen stellten ihren MitschülerInnen vor, was sie bereits ausgearbeitet hatten und wo sie vielleicht noch Hilfe bräuchten.

Am gleichen Tag gaben wir als Team interessierten LehrerInnen einen aula-Workshop, um ihnen zu zeigen, wie aula in den Unterricht eingebunden werden kann. Die Hoffnung war, dass damit die bisher wenig aktive Lehrerschaft mit ins Projekt geholt wird. Leider tauchten nur wenige LehrerInnen auf und der Workshop glich einem Tropfen auf den heißen Stein.

Bisherige Strukturen als Hindernis für aula?

Die größte Herausforderung für aula in Jena sind ironischerweise die bereits bestehenden demokratischen Strukturen. Im reformpädagogischen Konzept der Jenaplan-Schule sind demokratische Elemente wie Abstimmen bereits verankert. SchülerInnen, Schulleitung und LehrerInnen haben oft ein sehr gutes Verhältnis, weswegen Ideen und Wünsche beispielsweise direkt an die Schulleitung getragen und auch zum Teil auch schnell umgesetzt werden können. Deutlich wurde das zum Beispiel an dem Vorhaben „schulinterner Pizzadienst“. Die Idee dafür kam über aula auf und wurde bei der aula-Feier der kompletten Schülerschaft präsentiert. Da die Idee kostenneutral ist (die Pizza wird von den SchülerInnen selbst finanziert), gab der Schulleiter sein Okay für eine Testphase. Die Idee kam also auf der aula-Plattform auf, wurde dann aber über den “schnellen Dienstweg” – also einem Gespräch mit dem Ideengeber und der Schulleitung – umgesetzt und musste nicht erst die einzelnen Phasen (auf aula) durchlaufen. An dieser Stelle hätte die Schulleitung im Sinne der Integration von aula testweise den vermeintlich “längeren” Weg durch die aula Phasen gehen können. Das Ergebnis beider Wege ist am Ende natürlich das gleiche: die SchülerInnen haben nun einen Pizzadienst. Was wäre also mit aula anders gelaufen? Neben dem Experimentcharakter und dem vielleicht entstandenen Gewöhnungseffekt einer über aula organisierten Entscheidung, hätte es verschiedene weitere Schritte bis zur Entscheidungsfindung gegeben. Die Idee hätte unter Beteiligung weiterer SchülerInnen ausgearbeitet werden müssen, SchülerInnen hätten kritische Fragen zu ihr sammeln müssen, sie hätten Mehrheiten organisieren und dabei teilweise verhandeln müssen. Das alles, didaktisch eingerahmt und begleitet, führt nicht nur zum Ergebnis eines Pizzadienstes, sondern vor allem zum Erwerb von Fertigkeiten in der demokratischen Arbeit mit digitalen Medien. All das fällt auf dem sogenannten “kurzen Dienstweg” weg oder findet in jedem Fall nicht strukturiert und über aula dokumentiert statt.

Einschätzung von außen: Was sagt der Schulverbund “Blick über den Zaun”?

Mitte März besuchte ein Arbeitskreis des Schulverbunds „Blick über den Zaun“ (BüZ) die Jenaplan-Schule um im Auftrag der Schulleitung herauszufinden, warum aula in Jena nicht so richtig Fuß fasst. Wir waren ebenfalls vor Ort, um die Expertise der angereisten Lehrerinnen und Lehrer mitzunehmen. Das Resultat war für uns nicht überraschend. Die BüZ-LehrerInnen sahen neben bestehenden Strukturen keinen wirklichen Bedarf für aula und sogar eine zusätzliche (zeitliche) Hürde, wenn die SchülerInnen ihre Ideen auf die Online-Plattform stellen müssten. Ein Argument, das dann Sinn macht, wenn man nicht den didaktischen Rahmen zum Ausbilden gewisser Kompetenzen als langfristigen Mehrwert in die Betrachtung mit einbezieht. In dem Zusammenhang ist es verständlich, dass eine Veränderung des bisherigen Systems als zusätzliche Arbeit wahrgenommen und die bisherige “funktionierende” Beteiligungsstruktur als ausreichend erachtet wird.

Gleichzeitig – und das ist für uns auch interessant – sah der Arbeitskreis es als Problem an, dass aula keinen festen Platz in der Schulstruktur inne hat. Die BüZ-LehrerInnen sprachen sich dafür aus, dass beispielsweise Großprojekte, die die ganze Schule betreffen (wie den Fahrradständer), über aula diskutiert und abgestimmt werden könnten.

Was wir als Projektteam mitnehmen

Wir wollen mit aula nicht bereits funktionierende Strukturen ersetzen. Für manche Schule ist aula ein komplettes Beteiligungskonzept, für andere eine (digitale bzw. zeitgemäße) Ergänzung, die es Schülerinnen und Schülern ermöglichen soll, ihr eigenes Schulumfeld leichter zu gestalten. Für alle ist es in jedem Fall ein Möglichkeit zum Ausbilden und Vertiefen gewisser Fähigkeiten aus dem medialen und demokratischen Kompetenzspektrum. As Verbindung digitaler und demokratischer Bildung kann aula einerseits eine Heranführung an sinnvolle Nutzung von Onlinemedien sein, andererseits SchülerInnen ermächtigen, auch den Wandel und die Digitalisierung zeitgemäßer Schule mitzugestalten. Für ein erfolgreiches Projekt fehlte in Jena sicherlich der Raum bzw. die Zeit für aula, vielleicht auch in den Unterrichtsstunden. Zeit ist das eine Gut im Lebensraum Schule, das wahrscheinlich niemals genug vorhanden sein wird. Dennoch ist es essentiell, um das Projekt am Laufen zu halten. Um Kompromisse zu finden oder Ideen ausarbeiten zu können, muss diskutiert werden – nicht nur online, sondern besonders im Schulhaus selbst.

Während einige LehrerInnen an anderen Schulen Sorge vor einem Wandel der Schulkultur durch aula haben, durch den SchülerInnen mehr Verantwortung kriegen und schwieriger zu kontrollieren sind, war diese Frage von demokratischer Kultur in Jena kein Problem. Hier haben wir eher versäumt zu betonen, welche Vorteile gerade eine digitale Repräsentation demokratischer Prozesse bringen kann: für das Erlernen von Medienkompetenz, für die zeitgemäße demokratischer Arbeit, für Transparenz und Strukturierung des Prozesses und für die Inklusion von SchülerInnen, die sich lieber schriftlich ausdrücken, als mündlich.

Natürlich ist aula ein Konzept, welches den SchülerInnen Verantwortung beibringt. Dennoch ist es wichtig sie kontinuierlich zu begleiten, zu motivieren und Verantwortung selbst vorzuleben, damit ein solches Vorhaben nachhaltig Erfolg hat. Wir müssen daher versuchen, wirklich alle Beteiligten im Lebensraum Schule mit ins Boot zu holen und sie in ihrem Lernprozess zu unterstützen.

Vier Learnings für uns als Projektteam:

  • Schulen sollten von vornherein mitdenken, an welchen Stellen aula in ihren Schulalltag integriert werden kann
  • Wir müssen klarer herausstellen, was der Mehrwert der Nutzung einer digitalen Plattform zur Beteiligung gegenüber der bisherigen Strukturen mit analogen Abstimmungen ist
  • Wir müssen genauer herausarbeiten, wie Lehrerschaft von aula (in ihrem Unterricht) profitieren kann
  • aula-Material (Plakate, eLearning, Unterrichtseinheiten etc.) erweitern, damit Schulleitung, Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler einfacher mit aula arbeiten können

Titelbild: Jena via Pixabay, Geisteskerker, CC0, bearbeitet.
Beitragsbild: Daniel Schumacher CC BY 2.0

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Aula, Schülerbeteiligung und die Kompetenzen der Zukunft


Die 4Ks (Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und Kritisches Denken) sind eine Antwort auf die Frage, was Menschen können müssen, wenn problemlösungs- und kommunikationsorientierte Arbeit immer bedeutsamer wird. Die Beteiligung von Schülerinnen und Schülern an der Gestaltung von Schule ist eine Möglichkeit, diese Fähigkeiten der Zukunft zu vermitteln.

Dass Digitalisierung, Automatisierung und Globalisierung die Gesellschaft und damit die Bildung vor neue Herausforderungen stellen, ist hinreichend klar. Auf die Frage, wie man diesen Herausforderungen begegnen könne und welche Fähigkeiten bei Menschen auf ihrem Bildungsweg besonders entwickelt werden sollen, identifizierte die Partnership for 21st Century Learning am Anfang des Jahrtausends die “4Cs” als Teil der “21st century skillls”.

Diese lassen sich praktischerweise in 4Ks im Deutschen übersetzen (Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und Kritisches Denken) und sind hier bereits mit der Betonung auf das Digitale wunderbar beschrieben. Diese Kompetenzen bilden im Prinzip das ab, was Menschen können müssen, wenn Maschinen schwere, monotone und auf abrufbarem Wissen basierende Arbeiten übernehmen und problemlösungs- und kommunikationsorientierte Arbeit immer bedeutsamer wird. Es ist deshalb die feste Meinung der Autorin, dass alle innovativen Projekte an Schulen und Hochschulen eine Verantwortung haben, besonders diese Kompetenzen zu fördern.

Das Beteiligungsprojekt aula dient vor allem dem praktischen Erleben von Demokratie und erlaubt Schülerinnen und Schülern, ihre eigenen Ideen zu Unterricht, Schulräumen und Regeln vorzustellen, gemeinsam zu entwickeln, abzustimmen und verbindlich umzusetzen. So wird den Schülerinnen und Schülern nicht nur mehr Mitbestimmung ermöglicht, sondern es werden auch gleichzeitig die wesentlichen Kompetenzen des 21. Jahrhunderts gefördert. Im Folgenden geht es darum zu zeigen, wie mit aula die 4Ks eingebunden und entwickelt werden können und wie der restliche Unterricht davon profitieren kann.

1. Kollaboration

Das gesamte aula Projekt dient in erster Linie der kollaborativen Entscheidungsfindung und dem praktischen Erfahren von Demokratie. Dabei wird besonderer Wert auf eine Form der kollaborativen Ausarbeitung von Ideen gelegt, die vor allem digital gut funktioniert. Zu einer einmal eingestellten Idee können von anderen Teilnehmern Verbesserungsvorschläge gemacht werden. Diese Verbesserungsvorschläge können von Allen positiv oder negativ bewertet werden. Die Autoren der Idee sehen dadurch, welche Verbesserungsvorschläge besonders beliebt sind und ihrer Idee viele Stimmen hinzufügen würden. Sie können ihren Ideentext dahingehend ändern, dass sie die Verbesserung einarbeiten. So kommt ein demokratisch kollaboratives Schreiben zustande. Durch die Bewertungsfunktion ist der Mechanismus „klüger“, als eine bloße Sammlung ungewichteter Verbesserungsvorschläge. Die Kollaboration wird hier genutzt, um stichhaltige, komplexe Ideen zu entwickeln, obwohl die einzelnen Teilnehmenden nicht über viel Erfahrung in diesem Bereich verfügen. Digitale Kollaboration gibt hier einen Mehrwert.

Zudem fördert aula die Kollaboration zwischen den verschiedenen Beteiligten des Schulgeschehens. Schon bei der Einführung müssen zwischen Schülerinnen und Schülern, Lehrpersonal, Elternvertretung und Schulleitung Verträge geschlossen und Interessen verhandelt werden. Verschiedene Interessensgemeinschaften entstehen aus Einzelnen, die vorher nicht viel miteinander zu tun hatten. Diese Kollaboration ist zielgerichtet und bereitet auf die Gestaltung zukünftiger Interessensgemeinschaften vor.

2. Kreativität

Wenn man mit jungen Menschen im demokratiepädagogischen Bereich arbeitet, fällt schnell eine etwas auf: Es gibt eine gewisse Hemmung, eigene Ideen zu entwickeln. Vielen Schülerinnen und Schülern fällt es schwer, sich eine ideale Schule vorzustellen. Selbst wenn die Aufgabe lautet sich die ultimative Schule ohne Beschränkungen vorzustellen, kommen häufig Anregungen zur Verbesserung der Situation auf den Toiletten oder zu überdachten Fahrradständern. Auch wenn das durchaus reale Problematiken der Schülerinnen und Schüler sind, fällt doch auf, dass sie zunächst wenige komplexe und weitreichende Ideen entwickeln. Auch Jugendverbände der Gewerkschaften beklagen, dass die jungen Auszubildenden kaum Wünsche zu ihren Arbeits- und Lebensbedingungen äußern.

Psychologen sprechen hierbei von „erlernter Hilflosigkeit“. Als Anpassung an ein vergleichsweise autoritäres System können viele Schülerinnen und Schüler nicht mehr so gut visionäres Denken entwickeln. Dies aber ist eine Voraussetzung für Kreativität. Um neue Wege zu finden, muss man erstmal Ziele definieren. Das Wünschen-Können ist eine Kernkompetenz der Zukunft, da es die Triebfeder der Innovation ist. Da aula vor allem der Umsetzung eigener Ideen dient, bietet es Raum, das eigene visionäre Denken Schritt für Schritt zu erweitern. Wenn Schülerinnen und Schüler sich darüber unterhalten, was an ihrer Schule besser werden kann, inspirieren sich gegenseitig und werden mutiger.

Die Ergebnisse des Projekts bringen Kreativität dadurch hervor, dass sie die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler mit den bisherigen Rahmenbedingungen der Schule kollidieren lassen. Ein Beispiel für ein solches Zusammentreffen zweier Welten und die daraus resultierende Kreativität entstand in Freiburg, als in aula positiv über einen “Smartphone-Tag” abgestimmt wurde. An diesem Tag mussten alle Lehrerinnen und Lehrer das Smartphone irgendwie sinnvoll in ihren Unterricht einbinden. Von Sport bis Musik entstanden so neue und innovative Unterrichtskonzepte, die ohne die Einmischung der Schülerinnen und Schüler so nicht zustande gekommen wären.

3. Kritisches Denken

Bevor eine Idee bei aula in die Abstimmung kommt, kommt sie auf den Tisch der Schulleitung. Diese vergleicht die Idee mit dem Vertrag, der zuvor mit der Schulkonferenz aufgesetzt wurde. Darin sind die Grenzen und Freiheiten der Beteiligung durch die Schülerinnen und Schüler definiert. Eine neue Idee wird verbindlich umgesetzt, wenn sie mit geltendem Recht inklusive des Schulgesetzes vereinbar ist, sich nicht in die Personalpolitik der Schule einmischt, kostenneutral ist, etc. Bei jeder neuen Idee gibt es also viele Punkte zu beachten, bevor die Schulleitung grünes Licht gibt. Um all diese Punkte diskutieren und einarbeiten zu können, gibt es eine zweiwöchige Ausarbeitungsphase für jede Idee. Darin werden sowohl online wie auch offline Fragen und Verbesserungsvorschläge für die Idee formuliert.

Wenn man eine Idee sieht, wie z.B. mehr Fahrradständer, dann liegt es erstmal nahe, zuzustimmen und zu sagen: „Ja, das ist eine gute Idee, das will ich, lasst uns darüber abstimmen“. Das aula-Projekt ist aber so angelegt, dass es eine explizite Phase gibt, in der an die Idee kritische Fragen formuliert werden müssen. „Was kostet das?“, „Wie bezahlen wir dafür?“, „Wo werden die Ständer aufgestellt?“, „Aus welchen Materialien sollen sie sein?“, „Haben wir dann noch genug Platz zum Fußball spielen?“.

Dieser Prozess, der am Anfang stärker von Lehrkräften begleitet und nach und nach immer selbstständiger ablaufen soll, fungiert als ein mentaler Entschleuniger. Denn nicht alles in der digitalisierten Welt wird schneller. Je mehr Information und Freiheit wir haben, desto mehr müssen wir ab und an innehalten und reflektieren. Diese Kompetenz wird mit aula explizit angesprochen. Die eigenen Ideen hinterfragen, kritische Fragen an sich selbst stellen, mehrere Aspekte und Perspektiven eines Problems in Betracht ziehen. Hierfür ist neben der Möglichkeit online Verbesserungsvorschlägen zu formulieren, vor allem die aula-Stunde wichtig. Hier können sich die Beteiligten noch einmal in kleineren Gruppen (Zum Beispiel dem Klassenverbund) auseinandersetzen, diskutieren und Hilfestellung durch andere bekommen. Denn in der mündlichen Auseinandersetzung bekommen auch weniger engagierte Schülerinnen und Schüler das kritische Hinterfragen von Ideen mit.

Ein weiterer Aspekt des kritischen Denkens findet sich auf interpersoneller Ebene. Es gibt die Möglichkeit, bei der Abstimmung die eigene Stimme zu delegieren, sprich sie nicht selbst zu nutzen, sondern an jemanden zu übertragen. Wenn man sich selbst nicht genug mit einem Thema auskennt, keine Zeit für Beteiligung oder einfach kein großes Interesse für den Ausgang einer Abstimmung hat, kann man die eigene Stimme an eine Person delegieren, die einem selbst kompetenter, engagierter oder zeitlich flexibler erscheint.  Dabei werden Schülerinnen und Schüler zur Reflektion darüber gezwungen, wie gut sie sich selbst mit einem Thema auskennen, wer kompetent und vertrauenswürdig ist und ob diese Person ihre Stimme nach einer gewissen Zeit noch angemessen vertritt. Diese Fähigkeiten sind zentral ganz besonders in repräsentativer Demokratie. Sie verbessern die Qualität der Beteiligung und die Repräsentation der Wählerinteressen. Sie geben jungen Menschen außerdem ein Gefühl für ihre eigenen Kompetenzen und das Vertrauen, das andere in sie setzen können und erhöhen so die Selbstwirksamkeit.

4. Kommunikation

Da so ziemlich alles Kommunikation ist, muss dieses Ziel spezifiziert werden. Im Rahmen der relevanten Kompetenzen für die Zukunft ist hier die Fähigkeit zur zielgerichteten und effektiven Kommunikation gemeint, also die Wahl von angemessenem Kanal und Sprache unter den spezifischen Konventionen des jeweiligen Mediums. Die Kommunikation bei aula soll nachhaltig sein und findet deshalb auf einer Vielzahl von Kanälen statt. Online werden Ideen schriftlich eingestellt und mit schriftlichen Verbesserungsvorschlägen versehen. Dabei hat aula keine “Kommentarfunktion”, wodurch besonders die Kompetenz des problemlösungsorientierten Feedbacks gefördert wird, die vielen Online-Diskussionen abgeht. Zu Ideen lassen sich nur Verbesserungsvorschläge einstellen. Die beginnen stets mit dem gedachten Satz: “Ich stimme deiner Idee zu, aber nur wenn…”. Diese Fähigkeit wird im Unterricht im Rahmen des aula-Projekts geübt. Diese Art der Online-Kommunikation erlaubt Problemlösungsprozesse, die einen Anfang und ein Ende haben und dabei den Ideengeber nicht beleidigen. Das unterscheidet sie, beispielsweise, von einer Facebook-Diskussion.

Ansonsten findet die Kommunikation bei aula aber auch ganz explizit auf Offline-Kanälen statt. So gibt es im Optimalfall zum Beispiel eine regelmäßige aula-Stunde, in der Ideen mündlich vorgestellt und weiterentwickelt werden. Zu Zwecken der Werbung für die eigene Idee oder eine anstehende schulweite Abstimmung werden auch Plakate geklebt, Snapchat-Stories gebaut, WhatsApp-Nachrichten verschickt, Lautsprecher-Durchsagen gemacht und Mund-zu-Mund-Propaganda betrieben.

Die Vielfalt der Kanäle wird im Lehrleitfaden betont und gezielt genutzt. Das fördert bei Schülerinnen und Schülern die Fähigkeit, einen für eine Aufgabe geeigneten Kanal zu suchen und ihn effektiv einzusetzen. Wann braucht eine Frage zu einer “Idee” eine persönliche Unterredung mit der Schulleitung? Was muss hingegen transparent bei der Schulversammlung angesprochen werden? Welche Informationen sollten schriftlich  und welche lieber über den Lautsprecher verbreitet werden? Wie nutzen wir das schwarze Brett effektiv? Nur im Ausprobieren erleben Schülerinnen und Schüler die feinen Unterschiede zwischen verschiedenen Formen schriftlicher und mündlicher Kommunikation. Teilnehmer, die die deutsche Sprache noch lernen, können dabei andere Ausdrucksformen bevorzugen, als eloquente Muttersprachler. Die Hauptsache ist, dass alle eine eigene Ausdrucksform finden und einem kritischen Vergleich unterziehen können.

Dies war ein grober Überblick, wo aula beispielhaft Kompetenzen fördert, die nicht nur in  anderen Unterrichtsfächern, sondern auch in der beruflichen Zukunft und dem sozialen Leben der Schülerinnen und Schüler hoch relevant ist. Da das Projekt stets aktuelle Probleme rund um die Schule behandelt, tauchen viele Spezialfälle auf, die die eine oder andere Kompetenz auf andere Weise fördern. So mussten die Schülerinnen und Schüler in Freiburg eine zu niedrige Wahlbeteiligung analysieren und eigenständig Maßnahmen dagegen entwickeln; in Nottuln mussten sie ihre Lehrerinnen und Lehrer von den Vorteilen des Systems überzeugen; in Jena muss aula mit den anderen Möglichkeiten der Beteiligung verzahnt werden.

Kollaboration, Kreativität, Kommunikation und kritisches Denken werden in erster Linie da erlernt, wo gemeinsam Verantwortung getragen wird. Diese Kompetenzen können nicht erworben werden, wenn sie nicht angewandt werden müssen und Verantwortung kann nicht gelernt werden, wenn sie nicht gegeben wird.

Es ist deshalb wichtig, das scheinbare Risiko der Verantwortungsabgabe an Schülerinnen und Schüler zu wagen. Das Risiko, dass sie in der digitalisierten Welt ohne die Fähigkeit zum vernetzten Problemlösen dastehen und mit Computerprogrammen um Arbeit konkurrieren müssen, ist weit größer. Deshalb lohnt es sich, diese Kernkompetenzen immer wieder mit all ihrem vielschichtigen Inhalt zu betrachten und die eigene Lehre und eigene Projekte zu hinterfragen:

Fördere ich die Fähigkeiten, die in diesem Jahrhundert dringend gebraucht werden?

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