Berlin Calling: aula kommt im Herbst in die Hauptstadt

Als wir 2016 den Aufruf starteten, sich als Pilotschule für das Projekt aula zu bewerben, haben wir zahlreiche Bewerbungen aus dem gesamten Bundesgebiet erhalten. Damals sind wir davon ausgegangen, dass bestimmt auch eine Schule in der Hauptstadt vertreten sein wird.  Weil die Bildungslandschaft in Berlin sehr heterogen und außergewöhnlich ist (ganz nach dem Credo „if you can make it there, you can make it anywhere“), aber auch weil unser Büro in Berlin beheimatet ist. Die Dinge kamen allerdings anders und so wählten wir unsere Pilotschulen in der berühmten Bildungsachse Hamburg, Freiburg, Jena und Nottuln. Die Entscheidung für die vier Schulen bereuen wir keineswegs, denn die vielen Erfahrungen und Erkenntnisse, die wir durch die Arbeit in den Schulen gewonnen haben, haben unser Projekt weitergebracht und verbessert.

Trotzdem ist es an der Zeit unser Projekt auszuweiten. Berlin wird unsere erste weitere Station auf der hoffentlich noch lange andauernden Reise mit aula. Dank einer Förderung des Jugend-Demokratiefonds der Jugend- und Familienstiftung des Landes Berlins, haben wir eine kleine Grundförderung für aula Berlin bekommen. Ab dem Schuljahr 2018/19 bekommen daher 10 weiterführende Schulen in Berlin die Möglichkeit aula zu nutzen! 

Worum geht es genau?

Pro Schule werden circa 6 aula BotschafterInnen ausgebildet, davon circa 2 LehrerInnen und 4 SchülerInnen. In insgesamt 3 (jeweils 3-stündigen) Workshops lernen sie aula kennen und werden zu MultiplikatorInnen für Ihre Schulen. Während der Workshops bekommen sie das notwendigen know-how, sowie die Materialien, um aula selbstständig an ihrer Schule implementieren zu können. Zwischen den Workshops steht das aula Team den BotschafterInnen bei der Umsetzung des Konzepts Schritt für Schritt zur Seite. Alle anfallenden Kosten werden über den Jugend-Demokratiefonds abgedeckt, der vom Berliner Senats gefördert wird.

Was müssen aula-Schulen mitbringen?

Interesse
aula lässt sich am besten mit der ganzen Schulgemeinschaft umsetzen. Es sollen nach Möglichkeit alle SchülerInnen einbezogen sein. Auch Schulleitung, Eltern und Kollegium sollten aula befürworten.

Zeit
Während der Einführungsphase brauchen die BotschafterInnen Zeit und Raum, um aula in der Schulgemeinschaft zu verankern. Danach muss es regelmäßige Zeitfenster geben, während der die SchülerInnen jeder Klasse Ideen entwickeln, besprechen und bewerben können. Dies kann im Unterricht passieren, kann aber auch Teil außerunterrichtlicher Aktivitäten sein.

Freiraum
aula setzt voraus, dass SchülerInnen einen hohen Gestaltungsspielraum haben, um relevante Themen diskutieren und entscheiden zu können. Schulleitung und Schulkonferenz müssen sich bereit erklären, der gesamten Schülerschaft diesen Spielraum einzuräumen.

Internetzugang 
aula ist von jedem Computer mit Internetzugang aus nutzbar. Im besten Fall gibt es ausreichend Computer, dass alle Schüler einer Klasse gleichzeitig daran arbeiten können. Ab Sommer 2018 gibt es aula auch als App und kann über mobile Geräte genutzt werden.

Mut
aula ist lebendige Demokratie. Dabei liegt es in der Natur der Sache, dass nicht alle Dinge laufen wie geplant. Schulen die zeitgemäße Bildung anbieten möchten, müssen den Mut haben, neue Wege zu erproben. (Dabei steht Ihnen das aula-Team selbstverständlich mit Rat und Tat zur Seite)

Da wir noch ein paar Plätze für das kommende Schuljahr frei haben, können sich interessierte Berliner Schulen direkt bei uns unter info@aula.de melden!
Weitere Infos zum Projekt finden Sie unter dem Punkt Was ist aula?

Sonne und Wolken über Jena

Jena

Die Jenaplan-Schule in der zweitgrößten Stadt Thüringens hat schon auf dem Papier die besten Voraussetzungen für das Projekt aula. Als wir im Schuljahr 2016/17 als Team an die gut ausgestattete Schule im Westen von Jena kamen, waren wir beeindruckt von dem, was wir vorfanden: eine sehr aktive und politisch interessierte Schülerschaft, große Gestaltungsmöglichkeiten und SchülerInnen die bei einer kreativen und freien Entfaltung unterstützt werden. Die ersten Einführungs-Workshops in den Klassen  weckten kleine Begeisterungsstürme in uns aus. Unser Input wurde aufgenommen, reflektiert und direkt diskutiert. Schnell formierte sich eine ModeratorInnen-Gruppe, die über den aula-Vertrag sowie die Implementierung im Schulleben verhandelte und erste Pläne schmiedete.

Leider geriet das Projekt in Jena nach den Einführungsworkshops relativ schnell ins Stocken. Woran das lag? Wie in Schulen so üblich, hatte es verschiedene Gründe: Zum einen ebbte die Motivation beim ModeratorInnen-Team etwas ab. Zu wichtig waren Punkte wie Referate, Klausuren, Herbstferien und der ganz normale Schulalltag. Zum anderen vergaßen die ersten SchülerInnen ihre Passwörter (ein schulübergreifendes Problem, was wir auch hier auf dem demokratie.io-Blog bereits thematisierten. Ein weiterer Faktor waren die bereits sehr etablierten demokratischen Beteiligungsstrukturen der aktiven Schülerschaft. Vielen SchülerInnen (und vor allem auch LehrerInnen) wurde nicht klar, welchen Mehrwert aula über ihr bestehendes (funktionierendes) System hinaus bietet. Durch den Unterricht in Stammgruppen und die vielen verschiedenen Projekte (z.B. der „SchülerFAIRma“), war es für aula nicht leicht sich als ergänzendes Projekt zu etablieren.  Auch das Arbeiten mit digitalen Medien war in Jena bisher nicht besonders stark in den Unterricht integriert, wird sogar teilweise eher kritisch gesehen.  Die Organisation der Schülerbeteiligung über eine Online-Plattform wie aula wurde daher insgesamt weniger als Lernprozess und eher als zusätzliche Arbeit wahrgenommen.

Das Crowdfunding als Motivationsschub

Im Frühjahr 2017 haben wir als aula-Team für alle vier Pilotschulen ein Crowdfunding auf gemeinschaftscrowd.de gestartet. Als zusätzlichen Motivationsschub wollten wir den SchülerInnen damit eine Möglichkeit geben, eigene Ideen in die Tat umzusetzen und gleichzeitig nicht an eine Finanzierung denken zu müssen bzw. eine Teilfinanzierung bereits sicher zu haben. Die Jenaplan-Schule erreichte das Crowdfundingziel von 1.500€ bereits nach wenigen Wochen (zum Crowdfunding-Video von Jena geht es hier). Zwar sprach sich bei den Schülerinnen und Schülern schnell herum, dass sie Geld zur freien Verfügung bekommen sollten, aber nicht, inwiefern das nun mit aula gemacht werden sollte und wie die nächsten Schritte waren. Daher verpuffte der gewünschte Effekt relativ schnell wieder.

Neues Schuljahr, neues Glück?

Im neuen Schuljahr fand sich eine neue ModeratorInnen-Gruppe zusammen,  ein Team aus SchülerInnen, was gleichzeitig Herzstück sowie Motor für aula an der Schule ist. Mit Maxim (11. Klasse) fanden wir sogar den ersten Schüleradministrator, der – mit dem Vertrauen der Schulleitung – seither aula auch administrativ begleitet und für uns einen außerordentlich guten Ansprechpartner darstellt.
Das neuformierte aula-Team entschied sich für einen „Neustart“ an der Schule. Damit wirklich alle (wieder) Zugang zur Plattform bekommen, entwickelte die ModeratorInnen-Gruppe gemeinsam mit der Schulleitung einen Plan: Am Anfang des Schuljahres liefen sie immer montags durch die sogenannten „Morgenkreise“ und halfen den SchülerInnen ihre Passwörter zurückzusetzen und sich einzuloggen. Das sollte ebenfalls die SchülerInnen daran erinnern, dass das Projekt aula noch läuft.

Schülerinnen und Schüler bei der aula-Feier im November

Schülerinnen und Schüler bei der aula-Feier im November

Um den erneuten Auftakt von aula feierlich zu zelebrieren, entschied sich das ModeratorInnen-Team am 13. November vergangenen Jahres eine sogenannte „aula-Feier“ zu organisieren. Dafür wurde die schuleigene Turnhalle bestuhlt und die gesamte Schülerschaft (4.-13. Klasse) an einem Montagvormittag zusammen getrommelt. Als weichen Einstieg zeigten die ModeratorInnen den 3sat-Beitrag „Update für die Demokratie“, der sich teilweise mit einer aula-Stunde an der Jenaplan-Schule befasst. Danach konnten SchülerInnen, die eine Idee für das gesammelte Crowdfundinggeld hatten, vor der gesamten Schülerschaft ihre Ideen präsentieren. Von einem schulinternen Pizzadienst bis zu einer Überdachung für den Fahrradständer – die SchülerInnen stellten ihren MitschülerInnen vor, was sie bereits ausgearbeitet hatten und wo sie vielleicht noch Hilfe bräuchten.

Am gleichen Tag gaben wir als Team interessierten LehrerInnen einen aula-Workshop, um ihnen zu zeigen, wie aula in den Unterricht eingebunden werden kann. Die Hoffnung war, dass damit die bisher wenig aktive Lehrerschaft mit ins Projekt geholt wird. Leider tauchten nur wenige LehrerInnen auf und der Workshop glich einem Tropfen auf den heißen Stein.

Bisherige Strukturen als Hindernis für aula?

Die größte Herausforderung für aula in Jena sind ironischerweise die bereits bestehenden demokratischen Strukturen. Im reformpädagogischen Konzept der Jenaplan-Schule sind demokratische Elemente wie Abstimmen bereits verankert. SchülerInnen, Schulleitung und LehrerInnen haben oft ein sehr gutes Verhältnis, weswegen Ideen und Wünsche beispielsweise direkt an die Schulleitung getragen und auch zum Teil auch schnell umgesetzt werden können. Deutlich wurde das zum Beispiel an dem Vorhaben „schulinterner Pizzadienst“. Die Idee dafür kam über aula auf und wurde bei der aula-Feier der kompletten Schülerschaft präsentiert. Da die Idee kostenneutral ist (die Pizza wird von den SchülerInnen selbst finanziert), gab der Schulleiter sein Okay für eine Testphase. Die Idee kam also auf der aula-Plattform auf, wurde dann aber über den “schnellen Dienstweg” – also einem Gespräch mit dem Ideengeber und der Schulleitung – umgesetzt und musste nicht erst die einzelnen Phasen (auf aula) durchlaufen. An dieser Stelle hätte die Schulleitung im Sinne der Integration von aula testweise den vermeintlich “längeren” Weg durch die aula Phasen gehen können. Das Ergebnis beider Wege ist am Ende natürlich das gleiche: die SchülerInnen haben nun einen Pizzadienst. Was wäre also mit aula anders gelaufen? Neben dem Experimentcharakter und dem vielleicht entstandenen Gewöhnungseffekt einer über aula organisierten Entscheidung, hätte es verschiedene weitere Schritte bis zur Entscheidungsfindung gegeben. Die Idee hätte unter Beteiligung weiterer SchülerInnen ausgearbeitet werden müssen, SchülerInnen hätten kritische Fragen zu ihr sammeln müssen, sie hätten Mehrheiten organisieren und dabei teilweise verhandeln müssen. Das alles, didaktisch eingerahmt und begleitet, führt nicht nur zum Ergebnis eines Pizzadienstes, sondern vor allem zum Erwerb von Fertigkeiten in der demokratischen Arbeit mit digitalen Medien. All das fällt auf dem sogenannten “kurzen Dienstweg” weg oder findet in jedem Fall nicht strukturiert und über aula dokumentiert statt.

Einschätzung von außen: Was sagt der Schulverbund “Blick über den Zaun”?

Mitte März besuchte ein Arbeitskreis des Schulverbunds „Blick über den Zaun“ (BüZ) die Jenaplan-Schule um im Auftrag der Schulleitung herauszufinden, warum aula in Jena nicht so richtig Fuß fasst. Wir waren ebenfalls vor Ort, um die Expertise der angereisten Lehrerinnen und Lehrer mitzunehmen. Das Resultat war für uns nicht überraschend. Die BüZ-LehrerInnen sahen neben bestehenden Strukturen keinen wirklichen Bedarf für aula und sogar eine zusätzliche (zeitliche) Hürde, wenn die SchülerInnen ihre Ideen auf die Online-Plattform stellen müssten. Ein Argument, das dann Sinn macht, wenn man nicht den didaktischen Rahmen zum Ausbilden gewisser Kompetenzen als langfristigen Mehrwert in die Betrachtung mit einbezieht. In dem Zusammenhang ist es verständlich, dass eine Veränderung des bisherigen Systems als zusätzliche Arbeit wahrgenommen und die bisherige “funktionierende” Beteiligungsstruktur als ausreichend erachtet wird.

Gleichzeitig – und das ist für uns auch interessant – sah der Arbeitskreis es als Problem an, dass aula keinen festen Platz in der Schulstruktur inne hat. Die BüZ-LehrerInnen sprachen sich dafür aus, dass beispielsweise Großprojekte, die die ganze Schule betreffen (wie den Fahrradständer), über aula diskutiert und abgestimmt werden könnten.

Was wir als Projektteam mitnehmen

Wir wollen mit aula nicht bereits funktionierende Strukturen ersetzen. Für manche Schule ist aula ein komplettes Beteiligungskonzept, für andere eine (digitale bzw. zeitgemäße) Ergänzung, die es Schülerinnen und Schülern ermöglichen soll, ihr eigenes Schulumfeld leichter zu gestalten. Für alle ist es in jedem Fall ein Möglichkeit zum Ausbilden und Vertiefen gewisser Fähigkeiten aus dem medialen und demokratischen Kompetenzspektrum. As Verbindung digitaler und demokratischer Bildung kann aula einerseits eine Heranführung an sinnvolle Nutzung von Onlinemedien sein, andererseits SchülerInnen ermächtigen, auch den Wandel und die Digitalisierung zeitgemäßer Schule mitzugestalten. Für ein erfolgreiches Projekt fehlte in Jena sicherlich der Raum bzw. die Zeit für aula, vielleicht auch in den Unterrichtsstunden. Zeit ist das eine Gut im Lebensraum Schule, das wahrscheinlich niemals genug vorhanden sein wird. Dennoch ist es essentiell, um das Projekt am Laufen zu halten. Um Kompromisse zu finden oder Ideen ausarbeiten zu können, muss diskutiert werden – nicht nur online, sondern besonders im Schulhaus selbst.

Während einige LehrerInnen an anderen Schulen Sorge vor einem Wandel der Schulkultur durch aula haben, durch den SchülerInnen mehr Verantwortung kriegen und schwieriger zu kontrollieren sind, war diese Frage von demokratischer Kultur in Jena kein Problem. Hier haben wir eher versäumt zu betonen, welche Vorteile gerade eine digitale Repräsentation demokratischer Prozesse bringen kann: für das Erlernen von Medienkompetenz, für die zeitgemäße demokratischer Arbeit, für Transparenz und Strukturierung des Prozesses und für die Inklusion von SchülerInnen, die sich lieber schriftlich ausdrücken, als mündlich.

Natürlich ist aula ein Konzept, welches den SchülerInnen Verantwortung beibringt. Dennoch ist es wichtig sie kontinuierlich zu begleiten, zu motivieren und Verantwortung selbst vorzuleben, damit ein solches Vorhaben nachhaltig Erfolg hat. Wir müssen daher versuchen, wirklich alle Beteiligten im Lebensraum Schule mit ins Boot zu holen und sie in ihrem Lernprozess zu unterstützen.

Vier Learnings für uns als Projektteam:

  • Schulen sollten von vornherein mitdenken, an welchen Stellen aula in ihren Schulalltag integriert werden kann
  • Wir müssen klarer herausstellen, was der Mehrwert der Nutzung einer digitalen Plattform zur Beteiligung gegenüber der bisherigen Strukturen mit analogen Abstimmungen ist
  • Wir müssen genauer herausarbeiten, wie Lehrerschaft von aula (in ihrem Unterricht) profitieren kann
  • aula-Material (Plakate, eLearning, Unterrichtseinheiten etc.) erweitern, damit Schulleitung, Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler einfacher mit aula arbeiten können

Titelbild: Jena via Pixabay, Geisteskerker, CC0, bearbeitet.
Beitragsbild: Daniel Schumacher CC BY 2.0

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Ein Jahr mit aula – Erkenntnisse eines Lehrers

aula-Freiburg Smartphone

Letztes Schuljahr durfte ich auf einigen Veranstaltungen das aula-Projekt vorstellen und bewerben. Zu dieser Zeit bezog ich mich hauptsächlich auf Konzept und Theorie, weil mir kaum Erfahrungswerte aus der Praxis vorlagen, von denen ich hätte berichten können. Das möchte ich mit ein paar rückblickenden Betrachtungen nachholen, auch weil ich es Leuten versprach, die alles rund um aula über soziale Netzwerke verfolgen.

AULA ≠ SOCIAL MEDIA

Theoretisch ist aula ein soziales Netzwerk. Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass es hier manche Hürden zu überwinden gilt. Man hat zwar eine eigene Profilseite, kann Beiträge posten, liken und kommentieren. Nur dass…
…die Profilseite keine Rolle spielt.
…es dazu (noch) keine App und Push-Benachrichtigungen gibt.
…es kein offenes soziales Netzwerk ist.
…es vorher nicht Bestandteil des Schüleralltags war und von außen eingeführt wurde (Die Entwicklung einer Plattform mit der jeweiligen Schülerschaft hätte sicher zu mehr Akzeptanz geführt, aber auch den zeitlichen und finanziellen Rahmen des Projekts gesprengt.)

Weil aula nicht allen Mechanismen von sozialen Netzwerken unterliegt, muss man an einigen Stellen mehr Energie investieren. Dass Social Media (gedanklich aus Schülersicht) normalerweise nichts mit Schule zu tun hat, mag auch einen Teil zu der einen oder anderen Startschwierigkeit beigetragen haben. Natürlich stellen weder Attraktivität noch Akzeptanz von Instagram & Co kein realistisches Ziel dar. Dass aula aber mehr als ein Mal die Woche im Schulalltag stattfindet, müsste aber möglich sein. Die Entwicklung einer App für iOS und Android konnte bisher aus Kostengründen leider (noch) nicht umgesetzt werden.

EIN JAHR IST KEIN JAHR

Ein Jahr mit aula war eigentlich gar kein Jahr mit aula. Zu Beginn musste z.B. ein aula-Vertrag ausgearbeitet werden, der erst nach dem Beschluss in der Schulkonferenz (bestehend aus jeweils vier Vertreter_innen der Schülerschaft, des Kollegiums und der Eltern) in Kraft treten konnte. Das war bei uns nicht vor dem 28. November möglich. Somit stand Weihnachten schon vor der Tür und erschwerte einen schwungvollen Einstieg. Aula ist nicht nur ein Projekt, das man nebenher abhandeln kann. Es geht um ein grundlegend verändertes Verständnis von Partizipation. So eine gravierende Veränderung benötigt viel Zeit, Kraft und Kontinuität. Im alltäglichen Schulbetrieb stellt das alle vor nicht zu unterschätzende Herausforderungen. Deshalb darf aula nicht die Angelegenheit einer Person oder Gruppe sein, sondern sollte von allen Schultern im System Schule getragen werden. Ein ambitioniertes und langfristiges Ziel, würde ich heute sagen. Ob in den monatlichen Schülerratssitzungen, Stufenversammlungen oder in Lehrerkonferenzen sollte aula ein fester Bestandteil sein und immer wieder reflektiert werden. Ein Umdenken kann nur gelingen, wenn die aula-Stunden nicht nur stattfinden, sondern auch gezielt genutzt werden, um Mitbestimmung in all seinen Facetten zu lernen und zu üben. Es genügt nicht, “nur“ partizipative Elemente zur Verfügung zu stellen und darauf zu verweisen.

  • Über den Autor
Dejan MihajlovicDejan Mihajlovic ist Lehrer an der Pestalozzi-Realschule Freiburg, die seit dem Schuljahr 2016/17 das Projekt aula für uns testet. Zusätzlich arbeitet er als Fachberater für Schul- und Unterrichtsentwicklung beim Staatlichen Schulamt und als SMV-Beauftragter beim Regierungspräsidium.

Auf seinem Blog mihajlovicfreiburg.com schreibt er außerdem über zeitgemäße Bildung

 

Die größte Wirksamkeit hat aula meiner Meinung nach damit erreicht, bestehende und fehlende Partizipation transparent zu machen und immer wieder die Frage aufzuwerfen, wo wir unsere Prioritäten setzen wollen. Alle zum Erfolg und Misserfolg von aula beitragenden Faktoren sind mit denen von Partizipation an Schule im Allgemeinen identisch. Es hängt somit in erster Linie nicht vom Konzept ab, sondern von der Priorisierung. Wenn aula-Stunden nicht stattfinden, liegt das nicht daran, dass Lehrende gegen aula oder Mitbestimmung sind, sondern dass Fachunterricht oder andere Aufgaben bei ihnen eine höhere Priorität erhalten. Und genau das gilt es immer wieder zu diskutieren.

Einen weiteren Erfolg von aula sehe ich in der erhöhten Wahrnehmung der SMV (Schülermitverantwortung, in anderen Bundesländern auch SV bzw. Schülervertretung) im Kollegium, durch die Posts und Debatten im und außerhalb des Netzes. Das hat dazu geführt, dass Ideen, an welcher Stelle und wie man die Schülerschaft beteiligen kann, auch immer mehr von allen Lehrer_innen bedacht und formuliert werden.

NEUES JAHR, NEUES GLÜCK

Im zweiten Schuljahr startet aula mit einem neuen Anreiz. Über eine Crowdfunding-Aktion wurden zwischen Februar und April ca. 3400€ gesammelt, die nun für Projektideen eingesetzt werden dürfen. Erste Ideen hat Marina Ende September mit den Stufenversammlungen (Klassen 5/6, Klassen 7/8 und Klassen 9/10) gesammelt. (Hier hat die Badische Zeitung darüber berichtet.) Beim letzten Schul-Barcamp (Hier gibt es einen Beitrag vom ersten Barcamp.) gab es eine Session zum aula-Projekt, bei der folgende Verbesserungsvorschläge und Pläne bezüglich der Umsetzung gemacht wurde:

  • Konkrete Aufgaben für die aula-Stunden sollen ausgetauscht werden (z.B. Pro- und Kontra-Argumente aufbauen, Analyse der bisherigen Kommunikationskultur und Lösungsansätze bei Problemen gemeinsam entwicklen, zielführende Kommentare üben).
  • aula im Fachunterricht (zusätzlich zur aula-Stunde) integrieren. Hierfür sollen das Kollegium nach Schnittpunkten suchen.
  • Smartphones der Schülerschaft zu Beginn des Monats nutzen (Flat noch vorhanden), um sich den Gang zum PC-Raum zu sparen.
  • aula-Plakate in allen Schulräumen aufhängen, die jede Phase einer Idee bis zur Umsetzung visualisieren.
  • aula muss nicht im PC Raum thematisiert werden. Eine Idee herausgreifen und gemeinsam ausbreiten (fehlende Fragen und Antworten usw.) und mit/ohne Beamer allen zeigen, was 
gerade auf dem Tisch liegt.

Screenshot aula FreiburgEnde letzter Woche hat die knapp 30-köpfige Schülervertretung auf der SMV-Hütte geplant, aula noch stärker zu etablieren. Den Anfang haben sie mit drei Ideen, die sie gleich bei aula gepostet und via Snapchat beworben haben, und einer neuen Taktik gesetzt: Meine fünf Stimmen. Der Plan ist es, dass jede_r der 30er-Gruppe mindestens fünf Mitschüler_innen zum Voten motiviert und so die einfache Mehrheit für Ideen erreicht wird. Ob und wie gut das funktioniert, wird sich zeigen. Zumindest bin ich nach dem dreitägigen Aufenthalt mit dem SMV-Team wieder voll motiviert, daran zu arbeiten, dass Partizipation noch besser gelingt.

Dieser Text ist ein Crosspost von Dejan Mihajlovic und  wurde zuerst hier veröffentlicht.

Bilder: politik-digital e.V.; © Dejan Mihajlovic; Screenshot aula

Digital ist nicht genug: Ideen zu zeitgemäßer Bildung nach dem educamp

Das aula-Team war beim educamp in Bad Wildbad. Dort wurden wir nicht nur von Barcamp-Newbies zu absoluten Fans des Formats, sondern haben seitdem die leise Ahnung, es hier mit dem Kern einer neuen, zeitgemäßen Bildungsbewegung zu tun zu haben. Dabei ist eines ganz klar geworden: Bildung muss nicht nur digital, sondern auch partizipativ gedacht und gelebt werden. Und es wird Zeit, das umzusetzen.

Aula und die Bildungsdebatte

Ich bin keine Bildungsexpertin. Als große Anhängerin von “Partizipationsthemen” in Theorie und Praxis, kam ich eigentlich erst vor etwa 2 Jahren über Marina Weisbands ambitionierten Plan, Mitbestimmung über eine Online-Plattformen an Schulen zu beleben, mit Bildungsthemen in Kontakt. Seit dem Sommer 2016/17 arbeitet das aula-Team (Marina Weisband, Daniel Schumacher und ich) bei politik-digital e.V. mit vier Pilotschulen in Deutschland, geben Workshops für SchülerInnen, LehrerInnen und versuchen, alle Beteiligten bei der Integration von aula in den Schulalltag zu unterstützen. Die Arbeit an den Schulen ist zugleich unglaublich bereichernd und anstrengend. Viele Dinge klappen in der Praxis nicht so wie zuvor geplant und gehofft: es kam und kommt immer wieder zu Verzögerungen und Phasen der Stagnation und des Motivationsverlustes.

Ein normaler Verlauf für “Projekte” aller Art, haben wir uns sagen lassen. Trotz oder vielmehr wegen dieser Erfahrungen sehen wir inzwischen deutlich, dass das, was wir mit aula machen, wirklich auf einen Bedarf stößt. Ein Bedarf der zwar in vielen, spezifischen Debatten diskutiert wird, aber bisher keine breite Öffentlichkeit gefunden hat.

Das, was bereits seit Monaten in unseren Köpfen, den Pilotschul-Klassenräumen und unserem politik-digital-Büro waberte, fand mit einem Mal einen lebendigen Ausdruck: Das Educamp in Bad Wildbad. Neben einer neuen Leidenschaft für dieses tolle, offene Format (#jetztnurnochbarcamps) mit ebenso engagierten wie inspirierenden Menschen und konstruktivem Input, nahmen wir vor allem neue Erkenntnisse mit. Erkenntnisse zum einen über unser Projekt selbst,  was wir bei unserem Ansatz bisher gut gemacht und was wir übersehen haben (ein weiterer Text dazu folgt).  Zum anderen Erkenntnisse darüber, wie neue und alte Herausforderungen in Bildung, Politik und Digitalisierung miteinander zusammenhängen und welchen Beitrag wir vielleicht dazu leisten können.

Kernkompetenzen zeitgemäßer Bildung: Das 4K-Modell

Auf dem educamp ist an vielen Stellen besonders eines deutlich geworden: Dass zeitgemäße Bildung sowohl digital als auch partizipativ organisiert sein muss, um jungen Menschen die Chance zu geben, offene, und kritische Erwachsene zu werden, die kreativ mit Herausforderungen umgehen und sich anderen Menschen gegenüber mitfühlend verhalten. Genau dazu kam eine besonders spannende und wegweisende Diskussion nach dem Input von Dejan Mihajlovic zum 4K-Modell des Lernens zustande.

Beim 4K-Modell werden die Fähigkeiten “Kommunikation, Kreativität, Kritisches Denken und Kooperation” vor dem Hintergrund aktueller, auch digitaler Herausforderungen als Kernkompetenzen verstanden, die jede und jeder braucht, um im im 21. Jahrhundert ein gutes Leben leben zu können. Dass dieses Modell deutlich über das hinausgeht, was aktuell an Fähigkeiten vermittelt wird, bestätigten nahezu alle Wortbeiträge der Diskussion nachhaltig. Insbesondere die Aussage eines Menschen, dem bei seinen einleitenden Worten “Ich komme aus der Wirtschaft” – bei aller Offenheit- zunächst der Stempel des Lobbyisten anhaftete. Was er dann sagte, war aber sehr spannend. Er arbeite bei HP und der Konzern habe wahnsinnige Probleme dabei, Nachwuchs zu finden. Er sprach von “stromlinienförmigen Lebensläufen”, von Menschen, die “ganz viel wissen, aber nicht arbeiten können” und nur auf “Selbstoptimierung und Egoismus” gepolt seien. Der darauf folgende Einwand, es sei “Interessant, dass so etwas jetzt aus der Wirtschaft kommt, weil Bildung ja gerade erst ökonomisiert wurde” spiegelte einen Teil der Verblüffung wider, die man in den Gesichtern lesen konnte.

Die Diskussion um das 4K-Modell macht eines sehr deutlich: Irgendwie laufen in der deutschen Schul- und Ausbildungslandschaft Theorie und Praxis aktuell überhaupt nicht zusammen. Weil Schulen kaum Räume dafür bieten, die mit 4K abgebildeten Kompetenzen zu erwerben und anzuwenden, muss sich etwas ändern und mindestens alle dort Anwesenden sind gewillt, diese Veränderungen mitzugestalten. Was das Educamp hier leisten kann, ist neben Netzwerken und Erfahrungsaustausch daher vor allem auch das Sammeln praktischer Erfahrungen. Weil in der Ausbildung von LehrerInnen wenig (bis keine) Zeit auf die Vermittlung von Kompetenzen in digitalen Bereichen und zeitgemäßer didaktischer Methoden verwendet wird, ist das educamp vor allem auch ein Labor für das Ausprobieren neuer, digitaler Tools (Artikel folgt). Und auch hier bewirkt die spontane Struktur des Barcamps, dass von der Einzel-Session für NeueinsteigerInnen rund um das Thema Digitales bis zur Spielwiese für Fortgeschrittene und Nerds nahezu alles möglich ist.

Daneben finden auch die notwendigen Meta-Diskussionen anhand praktischer Beispiele statt, von denen es nächstes Mal gerne noch mehr geben dürfte. Da gab es ein kontroverses Gespräch von  zu “Lobbyismus in der Bildung”, das mit der Frage endete, was eigentlich unsere eigenen “Bildungs-Interessen” von denen der “Menschen aus der Wirtschaft” qualitativ unterscheidet. Ist es das Geld? Ist es der Bildungsraum, der auch Schutzraum sein muss? Oder ist es am Ende so, dass  ein transparenter Umgang mit Lobbyismus und InteressensvertreterInnen sogar hilfreich für SchülerInnen sein kann, weil “Beeinflussung” überall stattfindet und sie so lernen, diese besser zu erkennen?

Dann gab es die Reflektionsrunde “Mit Medien über Medien nachdenken”, in der sich die Anwesenden nach dem Beitrag von Philosophielehrer Dominik Schöneberg darüber austauschten, wie man innerhalb und außerhalb des Philosophieunterrichts kritisches Denken zu Medien verankern kann. In der lebhaften Session von Guido Brombach ging es um “Das Digitale und das Politische”. Hier wurde es richtig “meta” – denn Guidos Kernthese: “Wir versuchen, das Digitale mit dem Analogen zu erklären und laufen damit Gefahr, ein falsches Bild zu bekommen” ist ebenso wahr wie schonungslos. Auch wenn manche es sich ganz offen oder insgeheim wünschen: Das Digitale geht nicht mehr weg und ist auch nicht getrennt von der sogenannten “Analogen Welt”. Deswegen ist es wichtig, die spezifische Dynamik des Digitalen in allen Lebensbereichen und in der Bildung im Speziellen zu verstehen und in die Praxis zu integrieren.

Eine neue Bildungsbewegung?

Es mag einem Barcamp- und Bildungseinsteigerinnen- Enthusiasmus geschuldet sein, aber ich habe das Gefühl, hier mit Menschen in Kontakt gekommen zu sein, die Teil einer neuen, eben zeitgemäßen Bildungsbewegung sind. In jedem Fall gibt es wirklich viel zu tun. Und weil das so ist, versteht sich dieser Text als erster Diskussionsbeitrag von politik-digital und dem aula-Team in die Debatte um zeitgemäße Bildung.

Was in jedem Fall folgt, ist ein Beitrag zum Stand von “aula” und der Bedeutung von Partizipation innerhalb der Debatte sowie ein Überblick über digitale Tools, die wir inzwischen kennen gelernt haben.  Darüber hinaus möchten wir einige Beobachtungen teilen, die wir während der Praxisphase von aula gemacht und die sich beim Educamp zu Thesen verstetigt haben. Diese Thesen betreffen die aktuellen Herausforderungen von LehrerInnen und SchülerInnen im deutschen Bildungssystem. Und weil eine Debatte von kontroversen Beiträgen lebt, sei an dieser Stelle bereits erwähnt, dass wir uns über künftige Gastbeiträge genauso freuen wie über Kritik, Ergänzungen und konstruktive Gegenrede.

Titelbild: @frausonnig via twitter