Ideen für zeitgemäßen Unterricht: Der „Smartphone-Tag“ in Freiburg

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Auf dem Gang neben dem “Lozzi-Café” werden Rap Videos gedreht, vor dem Chemie-Raum entsteht eine Snapchat- Story, neben der Sporthalle blitzen die Displays einer Gruppe ungeduldiger SchülerInnen, die endlich loslaufen wollen. Es ist Smartphone-Tag an der Pestalozzi-Realschule Freiburg. Die Idee, einen ganzen Tag lang in jeder Unterrichtsstunde mit dem Smartphone zu arbeiten, wurde von den SchülerInnen mittels “aula” diskutiert und mehrheitlich beschlossen. Das aula-Team war vor Ort, um sich so viele Stunden wie möglich anzuschauen und mit Lehrenden und SchülerInnen über ihre Eindrücke und Erfahrungen zu sprechen.

An einem Dienstag Anfang Juli ist das Smartphone an der Freiburger Realschule interaktives Schulbuch, Kamera, Aufnahmegerät, Taschenrechner, Pulsmesser, Kalorienzähler, WLAN-Router, und vieles mehr. Es inspiriert SchülerInnen und Lehrende zu kollaborativem und kreativem Arbeiten und erweitert (bei stabilem WLAN) das Spektrum der Interaktionen zwischen Lehrenden und SchülerInnen um ein Vielfaches.

Bei der Beobachtung all dieser vielseitigen Möglichkeiten in verschiedener Unterrichtsstunden kommt man nicht an der Frage vorbei: Warum ist eigentlich nicht jeden Tag Smartphone-Tag? Ein paar Eindrücke des Tages und Gedanken einiger Lehrenden haben wir in einem Video zusammengefasst:

Wie in dem Video deutlich wird, sind es vor allem die Rahmenbedingungen die durch den Smartphone-Tag sichtbar werden, aus denen man viel lernen kann.

Kollaboratives Arbeiten zwischen allen Beteiligten

Besonders beeindruckend ist, wie sehr der Smartphone-Tag SchülerInnen, Lehrende und externe Menschen dazu animiert hat, zusammenzuarbeiten. Zunächst haben die SchülerInnen die Durchführung dieses Tages selbst beschlossen. Dazu brauchte es im Vorfeld einiges an Abstimmung der SchülerInnen untereinander. Via aula haben sie miteinander und gemeinsam mit Lehrenden diskutiert, ob und wie es Sinn macht, einen solchen Tag durchzuführen. In den 13 Verbesserungsvorschlägen zu der Idee auf der aula-Plattform der Schule, wiesen insbesondere die SchülerInnen darauf hin, dass für einen solchen WLAN-Tag stabiles Internet wichtig ist.

“Das ist eine gute Idee aber, falls es öfters gemacht werden soll sollte die schule aber auch nur dafür gratis „Internet“ geben, denn wenn es zb. 2 – 3 in der Woche stattfindet geht ja das Datenvolumen leer oder andere haben zb. gar kein Datenvolumen mehr.”

Die konkrete inhaltliche Ausgestaltung des Tages wurde dann teils kollaborativ im Kollegium, teils in direkter Absprache zwischen LehrerInnen und SchülerInnen geplant. Bemerkenswert war außerdem der Input an weiteren Ideen, der über ein öffentliches Pad zustande kam. Die Bitte um Mitarbeit, die der SMV- Beauftragte und Chemielehrer Dejan Mihajlovic über verschiedene soziale Netzwerke verbreitet hatte, wurde nicht nur vielfach geteilt, sondern brachte auch einige interessante Anregungen hervor.

Schulen brauchen Unterstützung

Schulen brauchen außerdem dringend Unterstützung bei der Nutzung digitaler Technologien im Unterricht, wie Schulleiter Carlos Santos-Nunier im Interview erläutert. Um im täglichen Schulbetrieb gute Unterrichtspraxis sowie die nachhaltige Einführung digitaler Medien zu gewährleisten, sind technische und personelle Ressourcen notwendig. Bei der Aufstockung technischer Ressourcen geht es um WLAN und die technische Ausstattung der SchülerInnen. Die vielen kleinen Behelfskonstruktionen, bestehend aus mobilen Routern, Hotspots und dem Datenvolumen der SchülerInnen können für einen Tag Abhilfe schaffen, sind aber keine Dauerlösung.

Dazu kommt die Frage um Sinn und Unsinn von BYOD. Denn bereits in den wenigen Stunden des Smartphone-Tages werden einige Grundprobleme in der Nutzung von Eigengeräten offensichtlich: Nicht jeder und jede hat ein Smartphone und die vorhandenen Geräte sind unterschiedlich arbeitsfähig.

Social Media im Unterricht: Grenzen durch Gesetze

Eine weitere Diskussion, die im und neben dem Smartphone-Tag immer wieder auftaucht, ist die Frage nach der gesetzlichen Grenze der digitalen Kommunikation zwischen SchülerInnen und LehrerInnen. In Baden Württemberg ist es bereits seit 2013 für Lehrende verboten, mit ihren SchülerInnen über Social Media zu kommunizieren. Gestattet ist die Nutzung lediglich dazu, die Funktionsweise, Vor-, Nachteile und Risiken „pädagogisch aufzuarbeiten“. Auch hier stellt sich die drängende Frage nach Sinn und Nutzen dieser Regelung. Digitale Arbeitsmaterialien und Aufgaben müssen irgendwie bearbeitet und verbreitet werden. Sich in Kommunikation und Datenaustausch nur auf Email und USB-Sticks zu verlassen ist nicht nur unpraktisch sondern
geht völlig an der Lebensrealität von SchülerInnen wie auch immer mehr Lehrenden vorbei.

Das Thema bewegt die Öffentlichkeit

Nicht zuletzt zeigt der Smartphone Tag auch ein wachsendes Interesse der Öffentlichkeit an “Digitale Medien” in der Schule. Neben dem SWR Radio, das bereits zeitnah einen kurzen Beitrag über den Smartphone-Tag veröffentlicht hat, begleitete eine Redakteurin der Badischen Zeitung die Vorgänge des Tages intensiv (Der Bericht wird am 21. 7. veröffentlicht).

Das lässt hoffen, dass auch vermehrt politische EntscheiderInnen erreicht und davon überzeugt werden, Schulen die Ressourcen für einen zeitgemäßen Unterricht bereitzustellen.

 

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