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Aula in Hamburg: Herausfordernde Strukturen und kreative Ideen

Wie jede Schule bringt auch die Stadtteilschule am Hafen in Hamburg einige Besonderheiten mit sich, die bei der Umsetzung von Projekten wie aula relevant sind. Die Stadtteilschule hat drei Standorte: einen in Hamburg Neustadt und zwei in St. Pauli. aula wird aktuell nur von der Oberstufe genutzt, die als eigener Standort in einem modernen (von der Schule gemieteten) Neubau untergebracht ist. Das Gebäude, das direkt neben dem legendären St. Pauli Millerntor-Stadion liegt, teilt sich die Stadtteilschule mit einem Wirtschaftsgymnasium und einer beruflichen Schule. Das führt zum einen dazu, dass die Schülerinnen und Schüler wegen der privaten Trägerschaft keinen EInfluss auf die baulichen und dekorativen Maßnahmen nehmen dürfen. Zum anderen sind nicht alle Schülerinnen und Schüler, die sich eine Pausenhalle, einen Schulhof und andere Räumlichkeiten teilen, mit aula vertraut.

Dazu kommt die Zusammensetzung der Schülerschaft. Manche der Schülerinnen und Schüler sind noch nicht allzu lange in Deutschland. Einige stammen aus Ländern mit weniger demokratischen oder offen diktatorischen Systemen. Manche der Schülerinnen und Schüler sprechen schlechter deutsch als andere, ein paar äußern sich positiv über Diktatoren. Wie wir gehört haben, ist ein ehemaliger Schüler als IS-Kämpfer nach Syrien gegangen und dort gestorben. Auch wenn all diese Dinge die Schule natürlich beeinflussen und spezifische (auch herausfordernde) Situationen schaffen, ist das nicht in erster Linie der Grund für die besondere Langwierigkeit, mit der das Projekt dort anläuft.

Nach den ersten Schulungen der beteiligten Akteurinnen und Akteure sind zwar inzwischen sehr viele Ideen im System, von denen allerdings noch keine genug Unterstützung gesammelt hat, um in die nächste Phase zu kommen. “Kann es wirklich sein, dass da noch keine einzige Idee auf dem Tisch ist?”, fragt uns ein Schüler der neuen 11er Klassen beim letzten Schulbesuch Mitte Oktober. “Ja das stimmt. Jetzt überlegen wir mal, wie wir das ändern könnten.”

Positive Verstärkung und Selbstwirksamkeit

Wie an keiner anderen Schule haben wir in Hamburg erlebt, wie wichtig es ist, die aufkeimenden Ideen und Initiativen der Schülerinnen und Schüler positiv zu verstärken. Dazu gehört, ihre Ideen ernst zu nehmen und ihnen kontinuierlich zu vermitteln, dass sie in der Lage sind etwas zu bewegen, ihr Verhalten zu reflektieren und wenn nötig zu verändern. Das hat auch mit der Erfahrung von Selbstwirksamkeit zu tun und der Annahme,  dass positive Erwartungen in Bezug auf die eigenen Fähigkeiten dabei helfen, Aufgaben tatsächlich zu bewältigen.

So scheint an der Stadtteilschule am Hafen in Hamburg aktuell kein besonders hohes Maß an Mitbestimmungspraxis der Schülerinnen und Schüler zu geben.
Es gab seit einigen Jahren keinen Abiball und auch sonst scheinen Ideen, die bisher im Raum standen, oft daran gescheitert zu sein, dass am Ende niemand die Verantwortung für die Umsetzung übernehmen wollte.  Auf diese Ausgangssituation gibt es zwei Perspektiven. Entweder “hier ist es besonders schwer, aula zu etablieren” oder “hier könnte aula einen tiefgreifenden Wandel in der Schulkultur hervorrufen”.

Aus unserer Sicht können schwierige Strukturen oder eine nicht funktionierende Beteiligungspraxis eine sehr gute Motivation sein, um mit aula jene Infrastruktur zu schaffen, die bisher nicht da war. Die Schulkultur zu erreichen und zu verändern, und nichts geringeres ist mit aula möglich, erfordert dabei aber nicht nur Durchhaltevermögen bei allen Beteiligten sondern vor allem auch die richtige Haltung.  Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass aula kein “tool” ist, in das vorne was hinein gekippt wird, was dann als fertiges Produkt wieder herauskommt. Wenn die Dynamik, die aula erzeugen kann, nicht entsprechend begleitet wird, werden alle Bemühungen und Ideen im Keim erstickt.

Raucherhäuschen und Smartboardunterricht

An kreativen Ideen mangelt es den Hamburger Schülerinnen und Schülern wahrlich nicht. Als wir Mitte Oktober die neuen 11ten Klassen schulten und erste Vorschläge für Ideen sammelten, die mit dem aula-Crowdfunding finanziert werden können, hören wir sehr praktische und teils auch erstaunliche Vorschläge. Bemerkenswert war die Idee eines Schülers, das Geld doch einfach an eine andere Schule zu spenden, die das nötiger hat als sie selbst: “Denn hier ist eigentlich alles ziemlich cool.”

Ein kollektives Anliegen, das uns auch schon letztes Jahr immer wieder begegnet ist, ist ein abgetrennter Raucherbereich. Aktuell befindet der sich nämlich neben dem Eingang und alle müssen ständig an den Rauchschwaden vorbei. Hier findet sich auch gleich die praktischste Idee für das Crowdfunding. Eine Schülerin schlägt vor, die Materialien für das überdachte Raucherhäuschen (Man einigte sich darauf, dass die Raucher nicht im Regen stehen sollten) gleich im Baumarkt zu besorgen und loszulegen. “Das können wir selber machen, ist billiger und macht Spaß.” Wie eingangs erwähnt, wird sich dieser schöne Vorschlag aber wahrscheinlich nicht umsetzen lassen, da die  solche “baulichen” Maßnahmen nicht erlaubt, wie auch im aula-Vertrag festgehalten wurde.  Positiv an der Diskussion solcher Vorschläge ist aber, dass sie immer wieder die aktuellen Regeln und Strukturen einer Schule transparent macht. So wird ein Bewusstsein für die eigene Umgebung und die Möglichkeit geschaffen darauf Einfluss zu nehmen. Und wer weiß, ob sich die strenge Gebäudeordnung nicht doch noch irgendwann verändern lässt?

Eine weitere Idee, die von der Klasse mit kollektiver Zustimmung bedacht wurde, lautete, von den rund 3.000 Euro des Crowdfundings “Smartboardunterricht” für die Lehrerinnen und Lehrer zu finanzieren. “Die fragen uns immer, wie das geht, und verstehen selbst gar nichts und dann sind die beleidigt, wenn wir das nicht können oder wollen”. Auch hier werden wieder Verhältnisse sichtbar gemacht, die vielleicht ein wichtiger Anstoß sein können für nachhaltige und notwendige Veränderungen an der Schule. Ob diese Idee umgesetzt wird, wissen wir in ein paar Wochen.

 

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